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Atelierbesuch bei der Künstlerin Dorina Csiszár

30. November 2016
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Kunst ist für Dorina Csiszár die größte Art der Freiheit, die sie sich vorstellen kann. Etwas anderes als ihr Leben der Kunst zu widmen kam für sie nie in Frage. localINtown besuchte die junge ungarische Malerin vergangene Woche genau an ihrem 31. Geburtstag in ihrem Atelier und durfte mehr über ihren Weg zur freien Kunst und zur Selbstständigkeit erfahren. Ein Gespräch über Inspiration, Kindheitserinnerungen und den Sinn der Kunst…

 

localINtown: Seit wann lebst du in Ingolstadt?
Dorina Csiszár:
Seit fast vier Jahren schon. Wir haben uns gemeinsam mit meinem Mann dazu entschieden hier her zu ziehen, als er ein Jobangebot in der Stadt erhalten hat. Mir persönlich bietet die Stadt die Möglichkeit mich in meinem Bereich auszuprobieren und weiterzuentwickeln.

Wo kommst du gebürtig her?
Ich bin Ungarin. Geboren wurde ich in Pápa, das ist eine ganz kleine Stadt eine Stunde von Györ entfernt. Studiert habe ich allerdings in Eger und habe währenddessen bei meiner Großmutter in Budapest gewohnt. Das war eine spannende Zeit und eine ganz neue Welt.

Wie hast du den Weg zur freien Kunst gefunden?
Ich wusste schon immer, dass ich zeichnen und malen will… mich interessierte einfach nichts anderes. Ich wollte ursprünglich an der Kunstakademie studieren, aber mehrere Dinge haben dies leider verhindert und so habe ich mich für ein pädagogisches Studium im Bereich Kunst und visuelle Kultur entschieden. Mein Glück war, dass viele meiner Professoren freie Künstler waren und gleichzeitig an der Hochschule und an der Kunstakademie unterrichtet haben. Sie haben zusätzlich zum pädagoschien Ansatz auch einen ziemlich künstlerischen Zugang zum Thema vermittelt.

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localintown_atelierbesuch_dorina08-kopieBilder sind für Dorina eine wichtige Inspirationsquelle. Besonders gefallen ihr Motive von Maschinen

Wolltest du je etwas Anderes werden als Künstlerin?
Ohne Kunst… nein das kann ich mir nicht vorstellen. Ich wollte immer schon etwas Kreatives machen. Natürlich habe ich zwischendurch auch andere Jobs angenommen, um Geld zu verdienen, aber das konnte ich mir nie langfristig vorstellen.

 

„Ich verspüre täglich den Wunsch künstlerisch aktiv zu sein!“

 

Wann hast du dich dazu entschieden, dich als Künstlerin selbstständig zu machen?
Das war ein längerer Prozess. In Ingolstadt habe ich zuerst am Theater als Ausstattungsassistentin gearbeitet. Nach einer Zeit habe ich jedoch gespürt, dass es Zeit wurde für etwas Eigenes. Vor drei Jahren habe ich mich dann selbstständig gemacht, wobei ich erst seit zwei Jahren auch Vollzeit als freie Künstlerin arbeite. Es hat ein Übergangsjahr gebraucht,  bis ich die Prozesse der Selbstständigkeit verstanden hatte. Die ganze Bürokratie ist schon sehr komplex, wenn man vorher keine Ahnung davon hatte.

Hast du je an der Entscheidung gezweifelt dein Leben der Kunst zu widmen?
Immer (herzliches Lachen)… nein, für mich ist es genau das Richtige. Ich verspüre innerlich täglich den Wunsch künstlerisch aktiv zu sein und kann mir absolut nichts Anderes vorstellen. Andererseits ist es natürlich ein Beruf, der keinen direkten Nutzen für die Gesellschaft und die Gemeinschaft hat. Das ist für mich nicht immer einfach, da ich mit der Ideologie aufgewachsen bin, dass das was man tut immer nützlich sein muss. Das ist mit der Kunst nicht ganz einfach zu vereinen. Deswegen habe ich mich wahrscheinlich auch zu Beginn für die Kunstpädagogik entschieden.

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localintown_atelierbesuch_dorina10Klein aber fein: Fast täglich kommt Dorina in ihr eigenes Atelier, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen

Mittlerweile hast du auch dein eigenes Atelier. Wie oft arbeitest du hier?
Ja, es war nicht einfach einen geeigneten und bezahlbaren Raum für ein Atelier zu finden. Ich habe mir erst einen Raum im KAP94 angeschaut, aber dort war mir zu viel los und dann habe ich diesen Raum entdeckt und sofort angemietet. Das war vor zirka einem halben Jahr. Vorher hatte ich die ganzen Sachen und Kisten zuhause, aber ab einem gewissen Punkt war das einfach nicht mehr machbar. Ich versuche am Morgen immer den ganzen Papierkram zu erledigen, so dass ich am Nachmittag hier her kommen kann, um zu malen. Manchmal muss ich aber auch eine Ausstellung auf- oder abbauen und dann schaffe ich es nicht ins Atelier.

Hast du eine Technik die dich am Meisten fasziniert?
Meine Malerei ist sehr experimentell. Ich spiele sehr viel mit Techniken und probiere ständig etwas Neues aus, aber meine liebsten Materialien sind Tusche und Kohle. Das liegt wahrscheinlich daran, dass beide Techniken sehr malerisch und gleichzeitig sehr grafisch sein können… diese Kombination gefällt mir sehr.

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localintown_atelierbesuch_dorina11-kopie

localintown_atelierbesuch_dorina05-kopieBevor die Maschinen mit Tusche zum Leben erwachen, werden die späteren weißen Flächen mit Gummimilch bedeckt

Gibt es ein Oberthema, das sich durch deine Arbeiten zieht?
Ich denke das ist das Thema der Maschinen. Ich habe mal Lithografie ausprobiert, aber mehr als die Technik hat mich dann die Maschine selbst interessiert. Ich habe angefangen diese Pressmaschinen zu skizzieren und daraus sind meine ersten Arbeiten entstanden. Mich fasziniert auf den ersten Blick immer die Form einer Maschine und diese versuche ich dann in meinen Arbeiten umzusetzen.

Auch in deinen aktuellen Arbeiten?
Ja, momentan arbeite ich an einer neuen Serie über die ehemalige Bürstenfabrik in Ingolstadt. Ich durfte dort ein paar Mal rein und die alten Maschinen betrachten. In der Luft liegt dort noch immer ein sehr außergewöhnlicher Geruch, der mich sofort an meine Kindheit erinnert hat. Mein Urgroßvater hatte früher eine ganz kleine Werkstatt und da roch es genauso wie in der großen Fabrik. Dort ist mir zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, dass diese Faszination für Maschinen sehr tief verankert sein muss und schon auf meine Kindheit zurückzuführen ist.

 

„In der Kunst sagt dir niemand, wie du etwas umzusetzen hast… es ist einfach alles möglich!“

 

Wie gestaltet sich dein Schaffensprozess?
Inspiration erhalte ich durch Museumsbesuche, aber auch durch meine eigene Umgebung. Es kann manchmal sehr viel Zeit vergehen bis sich bestimmte Dinge in meinen Arbeiten wiederfinden. Das ist eher ein unbewusster Prozess. Ich habe früher zum Beispiel immer abstrakte Werke von meinen Maschinen getrennt, weil ich dachte, dass sie einfach nicht zusammengehören. Eines Tages wurde ich dann gefragt, warum ich beide Dinge nicht einfach zusammenführe. Über diesen kleinen Satz habe ich dann ein halbes Jahr immer wieder nachgedacht bis ich eine Idee hatte wie ich das umsetzen konnte. Und so hat sich mein aktueller Stil entwickelt.

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Es gibt ein Zitat von Schiller, der sagt: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Inwiefern hängen Kunst und Freiheit für dich zusammen?
Freiheit würde ich eher mental bezeichnen. Wir sind alle anders, denken anders und drücken uns auch anders aus. In der Kunst kann man diese Unterschiede ziemlich frei ausüben. Da sagt dir niemand, wie du etwas umzusetzen hast… es ist einfach alles möglich. Ich kann mir keine größere Freiheit vorstellen!

Und inwiefern gehören oder passen Kunst und Ingolstadt zusammen?
Gute Frage… Ingolstadt ist bewundernswert und hat viel zu bieten. Im Bereich Kunst ist es aber momentan noch schwierig. In Ingolstadt gibt es viele Künstler und wir zeigen uns auch wo und wann wir können. Wir möchten, dass die Stadt und die Kunst noch mehr zusammenwachsen, weshalb zum Beispiel auch die Initiative Achtung Kultur gegründet wurde. Unser Ziel ist es, die Stadt mehr über die Kunst zu aktivieren und die Stadt mehr auf uns Künstler aufmerksam zu machen. Mit unserem aktuellen KUNSTkaufHAUS versuchen wir den Ingolstädtern zu zeigen, dass es mehr gibt als den Westpark oder München. Die Innenstadt braucht dringend diese Kultur. Wir Künstler haben für die Stadt viel zu bieten und würden uns mehr finanzielle Unterstützung seitens der Stadt Ingolstadt wünschen.

Hast du einen Lieblingsplatz in der Stadt?
Ich würde eher Lieblingsgebäude sagen. Ich liebe die alte Bürstenfabrik, die ich bereits erwähnt habe und auch das ehemalige Gießereigelände, wo nun das neue Museum für Konkrete Kunst gebaut wird. Ich liebe einfach alte Industriegelände… das sieht man denke ich auch in meinen Bildern.

Vielen Dank liebe Dorina, dass du dir an deinem Geburtstag die Zeit für dieses Gespräch genommen hast!

 

 

 

 

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