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„Wenn alles guad reint, werd I hier begrabn“ – Stefan Leonhardsberger im Interview

30. Dezember 2017
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Für das erste LocalHero Interview unter neuer Führung haben wir uns den charismatischen, energiegeladenen Schauspieler und Musiker Stefan Leonhardsberger ausgesucht. Er hat mit Paul Klammbauer und Martin Schmid das Mysterium der „Rauhnacht“ in eine Komödie gepackt, Premiere ist am 01.01.2018 in der Eventhalle Ingolstadt. Wir hatten die Ehre, die Vorpremiere zu genießen und können hier nur empfehlen: Hingehen! Hingehen! Hingehen!  

Trotz Schnupfennase und Kratzen im Hals stand er uns eine Stunde lang bei Keksen, Kuchen und Schnaps Rede und Antwort, während wir oft vor Lachen kaum noch stehen geschweige denn sitzen konnten.

 

In deinem Musikkabarett „Da Billie Jean is ned mei Bua“ sprichst du oft von Mühlviertel. Ist hier die Rede von deiner Heimat?

Oberösterreich unterteilt man in vier Viertel. Ich bin aus dem wunderschönen Mühlviertel. Auf der Bühne erzähle ich nur die Wahrheit. Mir ist wichtig da oben keine Geschichten zu erzählen. Ich bin in einem kleinen Dorf mit 3000 Einwohnern namens Lasberg aufgewachsen. Es war ein richtiges, beschauliches Landleben. Ingolstadt ist deshalb für mich schon eine richtige Großstadt.

Bist du viel in der Natur aufgewachsen?

Ja, und viel österreichische Großfamilie.

Gab es bei dir in der Familie schon Schauspieler oder Musiker?

Nein, es war ein kulturfernes Haus. Nicht kulturfeindlich, doch es hat es einfach nicht gegeben. Ich hatte das große Glück am Gymnasium einen Lehrer zu haben, der im darstellenden Spiel wirklich ganz tolle Sachen mit uns gemacht hat. Keine 08/15 Inszenierungen. Wir durften die Stücke selbst entwickeln. Das war für mich der Weckruf! Nach der Matura sagte er zu mir: „Stefan, du kannst gar nichts anderes machen als Schauspielerei.“ Das hat mich verunsichert. Ich war ein miserabler Schüler, der sich jahrelang durchgekämpft hat. Handwerklich war ich nicht begabt, ich wusste ich muss studieren und weg aus dem Dorf. Es gab dort nichts für mich.

Warst du kein guter Schüler weil du faul warst oder ist dir das Lernen wirklich schwer gefallen?

Das ist Hand in Hand gegangen. Wenn du faul bist, fällt´s dir irgendwann mal schwer. Es war wirklich eine Zeit der Qual. Allerdings habe ich während der Schulzeit Paul Klammbauer kennengelernt, der bis heute mein bester Spezl und Kompagnon in Berufsdingen ist. Wir haben zusammen die Stücke  „Da Billie Jean is ned mei Bua“ und „Rauhnacht“ entwickelt. Es ist schön, dass diese Freundschaft solange hält.

Wie ging es nach der quälenden Schulzeit für dich weiter?

Nach dem Zivildienst bin ich nach Linz auf die Anton-Bruckner-Universität und habe dort Schauspiel studiert. Im dritten Jahr gab es einen Anruf vom Peter Rein, dem damaligen Intendanten des Stadttheaters Ingolstadt. Gesucht wurde ein junger Schauspieler. So wurde Ingolstadt mein Einsteigerhaus. Beim Vorsprechen hatte ich das große Glück ein paar Songs von Johnny Cash vorsingen zu dürfen. Es ist irrsinnig gut, wenn man als Schauspieler singen kann. Die Songs kamen gut an und ich wurde für 2 Jahre fest ins Theater Ensemble aufgenommen. Mit der neuen Intendanz unter Knut Weber haben wir uns beide dazu entschieden die Zusammenarbeit zu beenden.

Wie viel Zeit brauchst du als Schauspieler um dich auf ein Stück vorzubereiten?

Bei der „Rauhnacht“ kam erstmal hinzu, dass wir das komplette Stück gemeinsam geschrieben haben. Das allein hat zwei 2 Jahre gedauert. Paul lebt in Wien, wir sind jeden Tag um 7 Uhr aufgestandenen und haben 3 Stunden geskypt, um den groben Entwurf zu machen. Die letzten Schritte waren die einzelnen Szenen und die Dialogfassung. Dafür haben wir uns im Sommer mit Martin Schmid in Ingolstadt getroffen und geprobt.  Wir reden über die Rauhnacht die saukalt ist, aber es war wirklich ein heißer Sommer und wir haben in einem kleinen 15 qm Keller am Paradeplatz geprobt und geschwitzt.

Wie ist die Idee zu Rauhnacht zu entstanden?

Paul hat einen Text für ein Lied geschrieben, das hieß Rauhnacht. Es gibt in Österreich und Bayern den Mythos, in der Rauhnacht, der Nacht zum Neujahr, mache der Teufel Jagd auf junge Mädchen. Dieser Mythos hat Paul schon immer fasziniert und ich finde die ganzen Bräuche auch interessant. Heutzutage befassen sich immer weniger Menschen damit, doch es gibt noch einige,  die den Glauben daran nicht verloren haben. In einem Gespräch sagte Paul letztens, wir leben in einer Zeit, in der es wirklich noch Leute gibt, die an den Teufel glauben und dann kommt so ein junger mit Snapchat und Tinder daher. Eine Art der Kommunikation die extrem weit auseinander ist. Das gerade so viele verschiedene Generationen zusammenleben, ist ziemlich einzigartig, ich glaube das wird sich in der Zukunft mehr zusammen schieben. Der Vater eines gemeinsamen Bekannten baut Atomkraftwerke, ist ein großartiger, erfolgreicher Ingenieur, weiß aber nicht wie man eine E-Mail abschickt. Das ist auch das spannende in unserer Geschichte, die vielen Generationen unter einen Hut zu bringen.

Hast du bei deinem neuen Stück „Rauhnacht“ eigentlich eine Lieblingsfigur?

Es wechselt immer ein bisschen, aber der alte Röbelreiterer ist einer meiner Favoriten. Er ist so ein Tyrann, eine zeitlose Figur und ein alter König. Es macht immer Spaß, die Arschlöcher zu spielen. Die netten Leute sind meistens fad auf der Bühne. Sie haben keinen Konflikt.
Doch ich mag jede Figur, sie sind mir alle ans Herz gewachsen, wenn man sie spielt und sieht wie sie wachsen und sich entwickeln. Ich bin auch sehr gespannt wie es sich mit dem Team weiter entwickeln wird. Martin und ich ergänzen uns auf der Bühne super, Paul ist das erste Mal live dabei und macht das Bühnenlicht. Wir drei Jungs dürfen den ganzen Januar von einer Stadt zur nächsten rumkurven. Wir sind sehr gespannt wie das ankommt und hoffen, dass wir das Stück die nächsten paar Jahre spielen können. Aber eigentlich sind wir auch schon wieder im nächsten Projekt, ab Mitte Mai sind wir mit einer Band auf Tour und ich muss gestehen, dass wir noch nichts geschrieben haben.

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Wie oft wird das Stück „Rauhnacht“ aufgeführt?

Wir touren den ganzen Januar durch Bayern und Österreich. Insgesamt sind es ca. 19 Termine und wenn das Kabarett beim Publikum ankommt werden wir Ende 2018 wieder damit auf Tour gehen. Das Risiko, einen Flop zu schreiben, geht man immer ein, doch die Reaktionen des Publikums bei der Vorpremiere haben uns bisher gut gefallen. Uns war es vor allem wichtig uns von „Billie Jean“ abzugrenzen. Ich liebe das Stück und es macht mir nach wie vor sehr viel Spaß, doch ich wollte schon  immer gerne Geschichten erzählen. Es war immer eine Sehnsucht von uns, Drehbücher zu schreiben, so haben wir auch die „Rauhnacht“ geschrieben, die von der Konzeption wie ein Drehbuch ist. Wir haben versucht das Stück mit geringsten Mitteln auf die Bühne zu bringen.

Und wie lange wird „Da Billie Jean ist ned mei Bua“ schon gespielt?

Im Juni 2013 war die Premiere im Diagonal, seitdem haben wir es über 300 mal gespielt.

Kannst du es mittlerweile mit geschlossenen Augen aus dem Schlaf heraus oder probst du noch davor?

Vorbereiten tu ich mich jetzt nicht mehr, doch ich muss vor jeder Show fit sein. Es gab ganz wenige Shows, bei denen ich müde war und es mich gar nicht gefreut hat. Ich habe schnell gemerkt, das funktioniert nicht, wenn ich nicht voll da bin. Ich muss es wirklich so spielen als ob es das erste Mal wäre, man darf sein Publikum nie unterschätzen! Du musst es immer wieder neu fühlen, sonst macht es mir keinen Spass und den Zuschauern auch nicht. So hat die ganze Veranstaltung keinen Sinn.

Hast du ein Lieblingspublikum? Das Ingolstädter Publikum ist nicht immer einfach aus der Reserve zu locken.

Ich glaube es geht weniger darum wo man spielt, sondern wann man spielt. Ein Sonntag Abend ist ganz anderes als ein Samstag. Am Sonntagabend geht die Woche schon fast wieder los. Es gibt einen wunderbaren Satz von Josef Hader, einem österreichischem Kabarettisten. Während seiner Show sah er ins Publikum und fragte eine Dame: „Und gefällt´s Ihnen?“, sie bejahte dies und Hr. Hader entgegnete ihr: „Dann informieren Sie doch bitte ihr Gesicht darüber!“ Es ist dem Publikum oft nicht bewusst, das wir da oben wahnsinnig viel mitkriegen.

rauhnacht

Ich stelle es mir überhaupt nicht einfach vor, Kabarett zu spielen. Es ist bestimmt schwierig, sich auf die Bühne zu stellen und komisch zu sein, wenn man kein Gelächter hört?

Das kann furchtbar sein. Die erste Voraufführung von „Rauhnacht“ hatten wir in Neuburg, vor 15 geladenen Gästen. Es ist eineinhalb Stunden nicht gelacht worden. Paul, Martin und ich haben 2 Jahre daran gearbeitet, wir dachten uns „Billie Jean“ finden die Leute lustig, vielleicht haben wir ein bisschen Sinn für Humor. Und dann wird nicht gelacht! Wir waren echt in der Krise! Den Leuten hat es gut gefallen, doch sie haben es eher wie ein Drama aufgefasst und waren total konzentriert.
Beim Schreiben weißt du irgendwann selber nicht mehr, ob es überhaupt lustig ist. Dann hat man die Feuertaufe vor dem Publikum und freut sich über jeden einzelnen Lacher. Das ist Balsam für die Seele.

Seit einigen Jahren wohnst du in Ingolstadt, wo in der Stadt schlägt dein Herz besonders schnell?

Vor dem Restaurant „Granada“ natürlich, das meiner Freundin Sarah gehört. Wir haben uns ganz klassisch im Café „Tagtraum“ kennengelernt. Ich war eigentlich gerade damit beschäftigt, meine Zelte abzubrechen, habe im Theater gekündigt und wusste, noch ein halbes Jahr dann bin ich hier weg. Als ich sie gesehen habe, dachte ich mir, oh Gott, ist die hübsch. Wir sind im Amadeus gelandet, haben uns dort einen angesoffen und getanzt. Danach haben wir uns wieder getroffen.

Erst wieder getroffen? Nächte im Amadeus enden meistens anders…

Ne, ne, ne. Wir haben „falsch“ geendet. Ich bin schon damals ein leidenschaftlicher „Granada“ Gänger gewesen, mit meinem Schauspielergehalt konnte ich mir das jedoch nur einmal im Monat leisten. Ich hab ja nie in die Küche geschaut und wusste nicht, dass dort so eine hübsche Köchin am Werk ist. Ich habe also alles richtig gemacht.

Bekocht dich die hübsche Köchin auch zuhause?

Zuhause bin ich der Chef. Sie genießt es, von mir bekocht zu werden. Ich helfe auch sehr gerne im Granada aus, mache die Vorspeisen und spüle ab. Im kreativen Bereich hast du nie so ein handfestes Ergebnis. Ich mag die Teamarbeit und den guten Umgangston miteinander. Wir haben ein Team aus verschiedenen Nationen, Albanien, Ukraine, Eritrea und sowas find ich geil. Als Koch musst du 60 Essen auf einmal rausbringen, dabei möchte ich schon als Spüler manchmal weglaufen. Davor habe ich großen Respekt.

Wie sieht für Dich ein perfekter Tag in Ingolstadt aus?

Ein perfekter Tag ist für mich, wenn ich wirklich keinen einzigen Termin habe und der Tag einfach so vor mir liegt. Es muss nichts großartiges passieren. Solche Tage werden immer wichtiger. Ich bin glücklich wenn ich mit meiner Freundin und unserem Sohn ausschlafen und frühstücken kann. Es muss einfach nur gemütlich sein. Wenn ich danach mit meinem Sohn rausgehe und mit ihm die Welt entdecken kann. Janosch ist gerade 14 Monate und in einem Alter, wo ihn alles zum Staunen bringt. Ich sage immer zu ihm: „Janosch, sei nicht so ein Klischee Baby“, das ganze Familiending gefällt mir irrsinnig gut.

Also ist er definitiv „dei Bua“?

Hintern dem Joschi steh ich zu 100 Prozent. Er sieht zwar Sarah wahnsinnig ähnlich, doch er ist ein Player wie ich.

Was liebst du an Ingolstadt?

Ich muss gestehen, ich hatte meine Probleme mit Ingolstadt als ich hier ankam, ich fragte mich, was ist das da? Ich hab mich gefragt, wo sind die Ingolstädter? Es ist natürlich durch die Audi nicht immer so leicht…
Für mich ist Ingolstadt eigentlich das Tagtraum, da ist die Community, die Ingolstädter, die  verwurzelt sind. Jetzt verbindet sich das auch mit meiner Familie. Wenn alles gut läuft, werd ich hier begraben.

Hast du auch einen Lieblingsort in Ingolstadt?

Neben der Küche vom Granada ist es die ewig lange Autobahnbrücke in der Nähe vom Wonnemar. Ich bin ein leidenschaftlicher Läufer und das ist meine Laufstrecke. Besonders im Herbst sieht es dort zauberhaft aus und bei langen Spaziergängen lasse ich dort meine Seele wandern.

Also bezeichnest du Ingolstadt mittlerweile als deine Heimat?

Wenn ich sage „ich fahr jetzt hoam“ dann fahr ich nach Ingolstadt. Mittlerweile sind es jetzt doch schon 9 Jahre. Es war nicht alles so geplant, doch ich bin gerne hier. Ich bin zwar gern unterwegs, doch ich komme sehr gerne zurück. Ich merke, dass ich vom Dorf komme und fühl mich im beschaulichen Ingolstadt „dahoam“. Das ist schon in Ordnung so.

 

Lieber Stefan, wir danken Dir für die interessanten Einblicke hinter die Kulissen eines Theaters und deine offene Art, mit der du die Menschen zum lachen bringst. localINtown findet dich auf jeden Fall irrsinnig lustig und wünscht euch Drei noch viel herzliches  Gelächter!

Auf a guads neis Jahr!

 

Plakat von Pascal Maurer

mehr Infos gibt es hier:

 

Rauhnacht – Das Programm

 

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1 Comment

  • Reply Lena Jankowsky 30. Dezember 2017 at 21:43

    nice job girls:)

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